Heavy Rain Move Edition (PS3)**

Als Heavy Rain erschienen ist hatte ich noch keine PS3 und konnte einen Durchlauf des Spiels bei einem Freund beiwohnen. Inzwischen bin ich selbst ein Besitzer der Sony Konsole und habe die für die Bewegungssteuerung MOVE angepasste Version des Spiels auch selber durchgespielt. Es ist nach wie vor schwer für mich, mir ein Urteil über Heavy Rain zu bilden.

Die technische Präsentation ist einmalig. Das Spielprinzip interessant.  Was die Entwickler versprechen erinnert mich an diese “interaktiven Bücher” (gibt es für die eigentlich einen eigenen Namen?), wo man am Kapitelende aus verschiedenen Entscheidungen wählen kann, und dann zu dem jeweiligen Kapitel “springt”, und so eine interaktive Story erlebt. Nur halt auf moderne HD Technik übertragen. Wie schon bei FAHRENHEIT besteht das Spiel eigentlich nur aus  Zeit begrenzten Reaktionstests, aber das macht es irgendwie erst so interessant: Man fühlt sich ans richtige Leben erinnert, da hat man in Entscheidungssituationen auch nicht ewig Zeit zum Antworten und/oder Entscheiden. Gleich zu Beginn wird die angebliche Handlungs- und Entscheidungsvielfalt von Heavy Rain demonstriert: Verlässt man das Gebäude nach getanem Job, oder geht man wieder zurück und hilft der offenbar Hilfe benötigenden Person? Jede Entscheidung lässt das Spiel ein klein wenig anders weiterlaufen, so zumindest das Versprechen der Entwickler.

[Spoilerwarnung!] Leider stellt sich mit der Zeit heraus, dass die verschiedenen Entscheidungsmöglichkeiten weit weniger Einfluss auf den Verlauf des Spiels haben, als gedacht. Meist äußern sich andere Entscheidungen lediglich durch grafische Veränderungen an den Spielfiguren (Hilft man dem Opfer zu Beginn nicht, ändert das nichts weiter, als dass es später ein blaues Auge hat). Im Prinzip läuft das Spiel leider doch immer gleich ab, nur Details ändern sich mit den Entscheidungen. Schnell erklärt: Alle drei spielbaren Charaktere werden zum Schluss aus eigenen Kräften und unabhängig voneinander den Zielort erreichen. Stirbt jemand schon früher, verläuft das Spiel deshalb trotzdem gleich, es kommt  halt nur ein Charakter weniger am Ort des Showdowns an. Der Verlauf und die Handlung bleiben aber gleich. [Spoiler Ende]

Appropos Charakter: Die virtuellen Figuren sind teils wirklich grandios gestaltet und sehen fast lebensecht aus. Leider sind die unwichtigeren Nebendarsteller das genaue Gegenteil davon und wirken gewohnt Computergame-Puppenhaft. Außerdem sind die Animationen und Mimiken trotz größter Motion Capturing Mühen meist sehr hölzern. Die Grafik ist ansonsten wirklich sehr gut, bis auf gelegentliches Tearing und kleine Texturfehler gibts hier nichts zu meckern. Leider ist die deutsche Synchro äußerst zweifelhaft. Ähnlich wie bei den Charakteren reicht das Niveau hier von großartig bis schlecht und amateurhaft. Tipp (wie so oft): Auf Englisch spielen.

Die große Frage ist nun: Ist das Spiel DIE Revolution, die vom Hersteller Quantic Dream versprochen wurde? Ja und Nein. Ja deswegen, weil Heavy Rain  ein gewagtes Projekt war und auf Grund seiner großen Verkaufserfolge demonstriert, dass storylastige Spiele erfolgfreich sein können, und hoffentlich in Zukunft mehr Spieleentwickler es wagen, das Risiko einzugehen, mit stroydriven Games zu experimentieren. Nein deswegen, weil Heavy Rain im Prinzip auch nur ein linearer, spielbarer Film ist, der weit nicht so viele Handlungsspielräume lässt wie versprochen.

Gelegentliche storytechnische Ungereimtheiten und spieltechnische Inkonsequenzen trüben das Bild weiter. Wie auch die unverständlich hakelige Steuerung der Spielfiguren: Trotz mehreren Stunden Erfahrung mit dem Spiel läuft man immer noch ständig unabsichtlich gegen eine Wand oder verläuft sich orientierungslos in der Umgebung (Stichwort Achsensprung).

“GENIAL! Heavy Rain ist wahrscheinlich DER Meilenstein des Interaktiven Storytelling!” schrieb ich, nachdem ich das Demo angespielt hatte. Leider kann ich dem inzwischen nicht mehr zustimmen. Heavy Rain ist ganz klar ein großartiges Erlebnis, sticht mit seiner filmhaften Inszenierung aus der Masse und bietet eine interessante Geschichte, die sich aber leider fast vollständig aus ausgelutschen Spielfilm-Krimi Klischees bedient. So ist man beim Spielen ständig zwiegespalten: Einersteits ist man fasziniert, dass das ganze ein Spiel und kein Film ist, andererseits würde die ganze Sache als wirklicher Film nur einen unterdurchschnittlichen, abgelutschten Krimi abgeben, der niemanden ins Kino lockt.

Ein Fazit ist nun also schwierig für mich. Heavy Rain ist auf jeden Fall spielenswert und eine interessante und frische Erfahrung. Es ist halt leider nur nicht der erwartete Mega-Meilenstein der Videospielgeschichte geworden. Trotzdem überwiegt letztendlich der positive Eindruck. Heavy Rain ist auf  jeden Fall  empfehlenswert für all diejenigen, die gern mal eine Erfahrung abseits der bekannten Game-Pfade erleben wollen.

Move-Update: Ich persönlich finde die Move-Steuerung als Bereicherung für Heavy Rain, denn das Drücken der Controller Tasten in der Original Version war mir etwas zu abstrakt. Durch Move  simuliert man die Bewegungen der Spielfigur, wodurch sich die Aktionen meistens verblüffend lebensecht anfühlen. Leider hapert es selten aber doch ab und zu mit der Genauigkeit der Bewegungs Erkennung, vor allem bei Kreisbewegungen.

humerisches Fazit:
79 – 89%
Im Prinzip eine hakelig steuerbare Sammlung von Quick-Time-Events, von denen der weitere Verlauf der doch etwas seichten Story abhängig ist. Trotzdem ein Meilenstein in Sachen interactive Storytelling, der auch durch seine grandiose Präsentation begeistern kann.

[Artikel @ Wikipedia]
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PS: Als Kind versuchte ich mich selbst einmal daran, eine interaktive Geschichte zu schreiben. Das naive, aber charmante Ergebnis nennt sich “Der Schwarze Drache” und kann sogar auf der Humepage ausprobiert werden:

www.humepage.at/stuff/stuff_alt/dsd

Viel Spaß 🙂