Eraserhead*

Dieser David Lynch ist schon ein Wicht. Macht da einfach Filme, die beim ersten Anschaun quasi nicht verständlich sind und lediglich Verwirrung hinterlassen. Oder sogar Enttäuschung, die bis zu Entzürnung gehen kann. Aber es wäre der einfache Weg, seine Filme einfach als Schwachsinn abzutun, und Herrn Lynch als verschrobenen Spinner zu sehen. Der Mann denkt sich schon was dabei. Leider (oder Gott sei Dank?) schweigt er sich konsequent darüber aus, was er sich nun genau bei seinen Filmen gedacht hat. So wirken seine Werke anfangs wie abstrakte Rätsel, die erst mal gelöst werden müssen. Vielleicht sind sie das auch. Vielleicht sollen sie aber auch gar keinen Sinn  machen, sondern einfach nur allein in ihrer Bild- und Ton (!) Gewalt für sich stehen, ohne dass man sich zu viel Gedanken über den eigentlichen Inhalt machen sollte. Wahrscheinlich sind David Lynch’s Filme aber eine Mischung aus beidem.

ERASERHEAD erschien 1977, hatte eine 5 jährige Entstehungsgeschichte hinter sich und war David Lynch’s erster abendfüllender Film, der ihn in Szenekreisen bekannt machte und in weitere Folge dazu führte, sein nächstes Filmprojekt (The Elephant Man) zu bekommen. ERASERHEAD ist in Schwarzweiß gedreht und enthält nur sehr wenig Dialog, ist sehr langsam geschnitten und auch Kamerabewegungen sind die Ausnahme. Wäre das für den durchschnittlichen Kinogeher nicht schon ungewohnt, wahrscheinlich sogar abschreckend genug, hat der Film auch ein extrem verstörendes Sound Design. Es wirkt beinahe so, als würde die fehlende Farbe im Bild durch die dick aufgetragenen Industrie-Sounds ersetzt, welches die so schon surrealen Schauplätze noch unangenehmer und verstörender erscheinen lässt. Über weite Strecken des Films hört man nichts, außer das tieffrequente Dröhnen von undefinierbaren Quellen, die passend zum Szenario an windige, veraltete und unfreundliche Industriegegenden denken lassen. Kein Platz zum Wohlfühlen also.

Das ist auch das Stichwort zu ERASERHEAD. In dem Film ist kein Platz zum Wohlfühlen. Neben der Tatsache, dass man sich als Zuschauer in einer seltsamen, unverständlichen und ungemütlichen Szenerie wiederfindet, wird man auch (Lynch-typisch) narrativ in Stich gelassen, und steht am Ende des Films vor der Frage: Was bitte soll denn das gerade gewesen sein?

Unsere Film- und Geschichtenkultur hat uns dazu erzogen, dass ein Film eine in sich abgeschlossene, lineare Geschichte ist, die sich durch ihren logischen Aufbau selbst erklärt und bis zum Schluss alle wichtigen Fragen klärt. Doch David Lynch geht anders ans Filmemachen heran, wahrscheinlich kommt das daher, das eigentlich ein Maler ist, der erst später zum Film fand. Seine Filme muss man ähnlich betrachten wie ein Gemälde. Ein Maler denkt sich bei jedem Bild etwas, er gibt seinen Motiven einen Sinn, er erfindet Geschichten dazu, die in seinem Kopf Sinn ergeben, und sein Bild zu einem einzigartigen Kunstwerk machen, das jeder Betrachter von neuem interpretiert und ebenfalls mit Sinn füllt. Ich glaube, dass David Lynch seine Filme ähnlich konzipiert, wie ein Maler ein Bild malt. Das Schwierige, und gleichzeitig der Unterschied zum Gemälde, ist aber, dass ein Film aus dutzenden bis hunderten einzelnen Szenen besteht, die jede für sich mit einer tieferen Bedeutung versehen sind, diese dem Zuschauer aber nicht offen präsentiert wird. Damit verstößt David Lynch also vollkommen gegen die etablierten Filmseh-Gewohnheiten.

Einen David Lynch Film hat man also erst dann ganz gesehen, wenn man ihn oft gesehen, und seine Phantasie dabei spielen lassen hat. Ob ich ERASERHEAD verstanden habe? Nein, überhaupt nicht. Mich beeindruckte die ungemütliche, Abscheu erregende Stimmung und vor allem die Herausforderung, das von Herrn Lynch gestellte Rätsel zu entschlüssen. Der Film ist absolut niemanden zu empfehlen, der sich 1,5 Stunden lang  leicht unterhalten lassen will, im Gegenteil, bitte die Finger davon lassen! Wer aber den Willen dafür aufbringt, sich auf ERASERHEAD einzulassen, und sein Gehirn dabei auf Hochtouren laufen zu lassen, der wird eine interessante, und intensive Erfahrung machen. Was übrigens auch stellvertretend für die meisten anderen Filme von David Lynch ist.

[Artikel @ Wikipedia]
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