Deadly Premonition (360)**

Game Status:
12 Stunden gespielt, dann Rest auf YouTube angesehen.

Im Game One Plauschangriff hörte ich erstmals von DEADLY PREMONITION, wo es als als überaus stranges, enorm Twin Peaks-inspiriertes Mystery Game auf Play Station 2 Niveau beschrieben wurde. Grund genug mir das gute Teil zu besorgen, auch wenn es bei hiesigen Tests eher durchwachsen abgeschnitten hat.

TWIN PEAKS. Das ist wirklich der erste Gedanke den man beim Spielen von Deadly Premonition in den Sinn bekommt, denn das Spiel ist vollgestopft mit Parallelen, Ähnlichkeiten und teilweise sogar  1:1 Umsetzungen zu der Serie. Im Prinzip nichts schlechtes, denn genau wie Twin Peaks lebt Deadly Premonition von seinem schrägen Figuren und dem sympathischen Hinterwälder Setting. Die Prämisse ist gleich erklärt: Als im ruhigen Dörfchen Greenvale eine junge Frau bestialisch ermodet auf einem Baum aufgespießt vorgefunden wird, schaltet sich das FBI ein und schickt Agent Francis York Morgan in das verschlafene Nest, um den Fall aufzuklären (NA?!). Mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten, außer dass es vor allem gegen Schluss ganz schön abgedreht zugeht.

Deadly Premonition ist vollgestopft mit zahlreichen wirklich interessanten und frischen Ideen, Gimmicks und Gameplay Elementen, die das Spiel aus der Masse hervor heben. So spricht der Hauptcharakter York ständig mit seiner zweiten Persönlichkeit “Zach”, und damit indirekt mit dem Spieler, was sich viel glaubwürdiger anfühlt, als die Selbstgespräche der meisten Protagonisten in anderen Spielen. In kleinen Zwischensequenzen darf man übrigens in Yorks Traumwelt reisen (die direkt von David Lynch erdacht sein könnte) und kann Zach dort selbst steuern. Das lässt Platz für surreale Momente, wird aber leider zu wenig ausgenutzt.

An Tatorten und sonstigen verdächtigen Gegenden müssen regelmäßig “Profilings” durchgeführt werden. Das bedeutet aber lediglich, eine bestimmte Anzahl von Gegenständen finden zu müssen, damit York eine Theorie zusammenspinnen kann. Das Profiling an sich läuft dann aber voll automatisch ab. Lädt man einen Spielstand oder startet ein neues Kapitel bekommt man Serien typisch eine “Was bisher geschah” Zusammenfassung, und bei Kapitelende gibt’s ein kleines Quiz wo nochmal die Erkenntnisse des vorigen Kapitels wiederholt werden.

Das Spiel beginnt zwar mit klassischem Horror-Survial Gameplay, jedoch gelangt man bald in eine Open World Umgebung, die in Quasi-Echtzeit (Eine Minute im Spiel dauert 20 echte Sekunden) abläuft. Hier trifft man sich auch mit den Story relevanten Personen, geht auf Boni Suche und reist von einem Missionsziel zum nächsten. Die Einwohner von Greenvale haben fixe Tagesabläufe, was vor allem bei den optionalen Nebenquests zum Tragen kommt.

Man muss sich auch um Yorks Gesundheit kümmern, regelmäßig essen, schlafen und auf den Puls achten. Das stellt sich vor allem bei Kämpfen und beim Laufen als herausfordernd heraus. Eröffnet man das Dauerfeuer auf die Gegner oder läuft man zu weite Strecken, steigt der Puls immer weiter an, bis York beinahe kollabiert und sich eine Weile erholen muss. Den einzigen Effekt, den Hunger und Müdigkeit hervorgerufen haben, war dass das Verkürzen der Zeit durch das genüssliche Rauchen von Zigaretten (Cooles Feature!) ständig unterbrochen wurde.

Klingt ja alles nicht so übel. Wenn da nicht die Schattenseiten von Deadly Premonition wären.

Es ist technisch völlig veraltet. Die Umgebung hat 2001er Play Station 2 Niveau und generell wirkt das Spiel, als wäre es für die PS2 oder den Dreamcast gemacht worden, nicht für die Xbox 360. Zumindest sehen die Charaktermodelle weitaus besser aus als der Rest, die Mimiken wirken glaubwürdig und die (englische Sprachausgabe) ist ebenfalls ok. Aber kein Vergleich zu aktuellen Spielen.

Deadly Premonition hat eine furchtbare Steuerung, die ebenfalls aus den alten PS2 Tagen stammen könnte. Wer mit den alten Silent Hills und Resident Evils steuerungstechnisch nix anfangen konnte, wird sich mit Deadly Premonition vermutlich die Finger brechen. Aber das Kämpfen wird zumindest durch Auto-Aiming etwas entschärft und im Notfall kann man sich um Gegner herumschleichen.

Viele der Spielmechaniken sind inzwischen ebenfalls völlig überholt beziehungsweise schlecht oder halbgar implementiert. Es gibt zB. keine Mini Map und das Aufrufen der Karte dauert immer einige Sekunden. Das Itemmenü ist ebenfalls etwas umständlich zu erreichen und zu bedienen (Ok, damit haben auch aktuelle Spiele zu kämpfen, Stichwort F*hust*able).

Die Karte ist meiner Meinung nach auch eines der größten Mankos des Spiels, denn man findet sich kaum darauf zurecht und bekommt nur die Hauptquest, nicht die Nebenquests als Zielpunkt angezeigt. Aufgrund des hohen Frustfaktors beim Navigieren hatte ich auch keine Lust, die zahlreichen Nebenaufgaben zu erledigen und entschied mich, mich nur auf die Hauptstory zu konzentrieren.

Doch das ging auch nicht so einfach wie gedacht, denn wenn man die Story mitverfolgen möchte muss man viel Geduld und Zeit mitbringen. Und das leider nicht im spielerischen Sinn, denn geschätzte 60-70% von Deadly Premonition bestehen aus  (geschätzten 10 Stunden) Zwischensequenzen, der Rest aus Autofahren und Survial-Horror Abschnitten.

Diese fallen leider sehr enttäuschend aus und leiden unter einer hakeligen Steuerung, einem auf Dauer extrem einseitigen Gameplay und EXTREM nervigen, sich immer wiederholende Gegner-Sounds. Vielleicht bin ich da auch zu sensibel, aber genau wie schon bei Silent Hill Shattered Memories verderben mir aufdringliche, eintönige und einfach schlecht gemachte Gegner-Sounds völlig die Stimmung. Wenn ich noch einmal “Dooooooon’t waaaaaant toooooooooo daaaaaaaaaaaaaai” höre explodiere ich wahrscheinlich vor lauter Frustration.

Apropos Sound: Die Musik des Spiels ist an und für sich sehr cool, leider gibt es viel zu wenig Musikstücke und diese wiederholen sich ständig in kürzester Zeit. So kann man die typischen drei Konversations-begleitenden Musikstücke schon nach kurzer Zeit nicht mehr hören. Es gibt auch viel zu wenig Sound Effekte, und die vorhandenen sind technisch sehr bescheiden und erinnern sogar an  die 1990iger Play Station Ära. Lediglich die Jingles sind charmant, aber leider sehr bald abgenutzt, und die an sich sehr gute Synchro wird von teilweise starken Lautstärke Schwankungen geplagt. Soviel zum Sound.

Als zum erstem Mal Quick-Time Events passieren, man vor dem mysteriösen “Regenmantel Mörder” in einer Splitscreen Sequenz flüchten muss, nachdem man sich Atem anhaltend im Kasten vor ihm versteckt hatte, stieg die Hoffnung an die Abwechslung des Spiels. Ich fühlte mich sogar etwas an Heavy Rain erinnert. Leider sind die Quick Time Events viel zu schwer und verzeihen keinen einzigen Fehler. Diese Sequenzen wiederholen sich dann leider später im Spiel immer wieder ohne große Neuerungen.

Was soll man also von Deadly Premonition halten? Die Story ist sehr abgefahren und gegen Schluss doch etwas cheesy, aber insgesamt ganz ordentlich. Seltsam ist nur, dass die Survial Horror Sequenzen irgendwie nicht mit dem Kontext der restlichen Story zusammen passen und deshalb aufgesetzt wirken. So tötet Agent York hunderte Zombie-Geister-Whatever Gegner (Warum sind die eigentlich da? Warum wollen sie einen Töten? Warum sind sie durch Waffengewalt zu besiegen?) und entkommt dutzende Male der Axt desRegenmantel Mörders, um ihn wenige Minuten später in einerZwischensequenz spöttisch als “abergläubisches Märchen” abzutun.

Die vielen Zwischensequenzen sind gut inszeniert und man kann sie fast wie eine normale Fernseh Serie konsumieren – die halt ab und zu von Spielszenen unterbrochen wird. Und genau da liegt das Problem des “Spiels”: Wenn man schon 70% der “Spielzeit” passiv das Geschehen verfolgt, sollten zumindest die verbleibenden 30% Spaß machen. Das tun sie aber nur anfangs und bald stellt sich pure Langeweile bis sogar Frust ein. Das war auch der Grund, warum ich nach etwa 12 Stunden kapitulierte und mir den Rest des Spiels auf YouTube angesehen habe. Es war eine wirklich gute Entscheidung, denn ich hatte niemals das Gefühl spielerisch etwas zu verpassen. Und so war Deadly Premonition das erste Spiel, bei dem ich mir wünschte, die Spielsequenzen anstatt der Zwischensequenzen skippen zu können.

Deadly Premonition erweckt den Eindruck als hätten die Macher das Drehbuch für eine Twin Peaks orientierte Serie verfasst, konnten diese dann aber nicht produzieren, und haben dann halt ein Videospiel daraus gemacht und  regelmäßig spielbare Sequenzen hineingequetscht. Ich habe zwar keine Ahnung wie es wirklich vor sich ging, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass Deadly Premonition zwar ein wahnsinnig charmanter, aber technisch veralteter und spielerisch enttäuschender Genre-Mischmasch geworden ist, der beim Zusehen deutlich mehr Spaß macht als beim Spielen. Weil es aber einige Dinge zumindest im Ansatz sehr gut und sehr viel anders als die breite Masse macht, und weil es eine Geschichte zu erzählen weiß wie kaum ein anderes Spiel, gibt’s von mir auch keine allzu vernichtende Bewertung.

humerisches Fazit:
60 – 81%
Mehr Zwischensequenzen als Spiel, hässliche Grafik, spielerisch oft fragwürdig, zu viele Features zusammengeschustert und unausgereifter Spielablauf. Auf der anderen Seite erfrischend frech und innovativ mit dem Zeug zum absoluten Kult Titel. 

[Artikel @ Wikipedia]
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6 Kommentare zu Deadly Premonition (360)**

  • Bin total Deiner Meinung. Wer braucht schon geile Grafik, wenn Inszenierung, Charaktere und Story genug Charme mitbringen? Erst schreien alle nach ‘früher’ und wenn sie dann ein Deadly Premonition vorgesetzt bekommen, passt’s auch wieder keinem. Mir gefällt’s, vor allem als großer Twin Peaks-Fan, bisher wirklich gut und auch ich bin gespannt, was noch kommen wird.

    • Freut mich! Das Spiel ist für mich der Inbegriff eines “Geheimtipps”. Und die vielen technischen Schwächen sind dem Charme bisher eher zuträglich. Aber schaun wir mal weiter, wenn 10+ Stunden ins Spiel geflossen sind :)

  • PS: 4Players haben wirklich keine Ahnung. ‘Keine deutsche Sprachausgabe’ im Minus-Bereich. Was ist daran so schlecht? Genau aus dem Grund haben wir das Spiel schon jetzt hier und können es für 30€ genießen. ‘Akustisch mäßig bis inakzeptabel’? Wohl eher ‘akustisch pervers geil und mit mehr Sinn als bei anderen Spielen’. Idioten.

    • Ok, als Sound Design Interessierter muss ich da teilweise schon zustimmen, da sind sound-mäßig schon viele seltsamen Dinge drin. Aber was solls, das macht den Charme des Spiels ja aus :)

  • Genau das ist ja der Punkt. Natürlich passt der Sound manchmal überhaupt nicht, aber das macht das Spiel so ‘weird’ und das wiederum ist für den Charme doch erst zuständig.

    • Hehe, das ist fast so wie bei den Kultigen B-Movies. Da passt auch hinten und vor nix zusammen, aber trotzdem sind sie cool 8-)

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